Mann mit Gitarrenkoffer

Raus aus der Komfortzone: Der Pfarrer als StraßenFUNgelist

Pfarrer Gunter Schmitt erwartet weder, dass alle Menschen zu ihm in die Kirche kommen, noch, dass er sich mit seinem Glauben ihnen aufdrängen muss. In der anonymen Fußgängerzone führt er dennoch regelmäßig Gespräche über seinen Glauben - mit Gitarre oder Malkreide in der Hand.

Ich bin gerne außerhalb kirchlicher Räume unterwegs und suche das direkte Gespräch mit denen, die nicht in die Kirche kommen. Die Fußgängerzone oder Straße ist für mich der ideale Raum dafür. Sie liegt genau zwischen Komm- und Geh-Strukturen. Die Menschen kommen weder in die Kirche noch ich zu ihnen.

Der öffentliche Raum ist ein anonymer Zwischenraum, der immer wieder ein gemeinsamer und persönlicher Raum werden kann. Ich treffe die Menschen dort, wo sie gehen und stehen. Einer der Gründe, weshalb ich den Beruf des Pfarrers oder der Pfarrerin so wunderbar finde, liegt eben darin, dass so herrlich viele Gesprächsanlässe quasi auf der Straße liegen.

Zu Beginn meines Pfarrerdaseins erschien in den 1990-ern Arno Backhaus' Buch über „Efungelisation“. Gleich auf dem Cover sieht man Arno in einer Fußgängerzone sitzend, vor sich einen Hut, gefüllt mit Geldmünzen und in den Händen ein Pappkarton, auf dem zu lesen ist: „Ich bin überreich beschenkt! Bitte bedienen Sie sich.“ Dieses Buch hat mich inspiriert, auch wenn ich keine der dort genannten konkreten Ideen je umgesetzt habe.

Meine Erfahrungen bilden nur einen kleinen Bereich dessen ab, was Straßenefungelisation sein kann, nämlich folgende drei:

1. Mit Gitarre und Gesang

Zu meinen Aufgaben gehört seit einigen Jahren der „Reisedienst“. Wenn ich in einer Stadt einen Termin habe, bin ich gerne schon vorher da und nutze die Zeit, um in der Fußgängerzone Musik zu machen. Ich packe meine Gitarre aus dem Koffer und beginne zu spielen und dazu zu singen.

In beidem bin ich nicht wirklich gut. Wahrscheinlich hat mir deshalb auch noch niemand Geld hingeworfen. Aber ich glaube, der Grund für die Zurückhaltung der Menschen an dieser Stelle ist noch ein anderer. Sie spüren, weshalb jemand singt. Bei Matt Redman habe ich gelesen, dass Lobpreis im öffentlichen Raum zunächst die Funktion hat, die Aufmerksamkeit Gottes für diesen Ort zu erregen. Diese Sicht entlastet mich enorm und zündet den Spaßfaktor. Ich mache mir vor meinem Singen klar: Mir geht es gar nicht darum, die Aufmerksamkeit der Menschen, sondern die Aufmerksamkeit Gottes zu erbitten. Und wenn Gott da ist, kann einiges passieren. Was immer er möchte. Ich kann es gelassen erwarten. Manchmal bleiben Leute stehen und verwickeln mich in ein Gespräch. Die Einstiegsfrage ist oft die, warum ich so seltsames Zeug singe und zu welcher Sekte ich gehöre. Daran kann ich wunderbar anknüpfen.

2. Mit dem Café-Mobil

Eine Zeit lang hatte unser missionarischer Dienst ein Cafémobil. Eine Art fahrbare Kaffeemaschine, die jeden Ort zu einem Ort der Begegnung mit Gott machen kann. Auf dem Wochen- oder Adventsmarkt, am Bahnhof, auf der Kerwe. Es ist eine mobile Oase, aus der immer wieder auch eine spirituelle Oase werden kann. Espresso und Co. sind ein schönes Symbol für Auftanken, PauseMachen, Genuss und gute Gespräche. Ich erinnere mich an guten Smalltalk, aber auch an tiefer gehenden Gespräche. Wenn genügend Personal an der Kaffeemaschine steht, kann immer einer sich rausziehen aus dem Mahl- und Brühdienst. Einige Gemeinden benutzen Cafémobile als missionarische Möglichkeit. Ehrenamtliche können mit dem Kaffeewagen in ihren Arbeitsstellen und Betrieben vor Ort über den Glauben ins Gespräch kommen und nennen das z.B. „Frühschicht – ein spirituelles Angebot“ oder „Coffee to God“ morgens vor den Werkstoren der örtlichen Fabrik oder an anderen Orten. Mit einem Gedanken für den Tag, auf den Weg, in den Alltag.

3. Mit Malkreide

Street painting, oder wie immer man es nennen möchte, ist eine tolle Sache für kirchliche Jugendgruppen. Auf das Straßenpflaster schreiben oder malen sie, was ihnen im Glauben wichtig ist. Bilder von Friedenssehnsucht, Sinnsprüche, Bibelverse, was auch immer.

Sicherheitshalber informiere ich das Ordnungsamt der Stadt, obwohl das nicht sein muss, wenn keine Behinderung der Passanten oder Verunreinigung öffentlichen Eigentums vorliegt. Vorteil: Auch die Unsicheren und Schüchternen können mitmachen. Und es schadet gar nichts, wenn sie nicht auskunftsfähig sind, sondern einfach nur sagen: „Weil‘s Spaß macht.“

Wie Straßenefungelisation aussehen kann:

– reaktiv:

Früher gingen Straßenevangelisten auf die Menschen zu und sprachen sie an. Heute wählen wir aus guten Gründen einen anderen Weg: Wir provozieren, dass wir angesprochen werden. Die Passanten können aktiv werden, wenn sie möchten. Besonders deutlich wird das beim street painting. Diejenigen, die malen, sind nach unten gebeugt, suchen noch nicht einmal den Kontakt zu den Passanten. Und werden doch immer wieder angesprochen. Menschen bleiben stehen und lesen das Geschriebene oder
Gemalte.

– spontan:

Wenn Gott anwesend ist und wirkt, dürfen wir auf alles gefasst sein. Und nach und nach lernte ich selbst, spontaner zu werden und zu fragen: „Darf ich mit Ihnen beten?“ Ich habe nur ein einziges Mal erlebt, dass jemand diese Frage verneint hat. Und die schönsten Momente meiner Straßenevangelisation waren die, wo wir auf der Straße gebetet haben, einmal sogar im Knien auf dem Asphalt, als ein Katholik das ausdrücklich wünschte.

– erwartungsfrei:

Ich mache keine Werbung für eine Veranstaltung, spreche keine Einladung aus, habe kein Plakat, kein Logo, keine Erklärung. Nichts muss sich entwickeln, aber vieles kann. Gott ist da. Und mein Gesprächspartner und ich auch. Das reicht. Gelassenheit meinerseits ist eine gute Basis für gottvolle Gespräche am Straßenrand. Die andere gute Basis: wenn die Leute mich für etwas verrückt halten.

– spaßig:

Das ist die Frage nach dem „Why“, die ich mir immer wieder ehrlich stelle: Warum machst du das? Um die Kirche zu retten? Was lässt dich auf die Straße gehen? Wenn ich diese Frage beantwortet habe, klärt
sich ganz schnell, welche Form der Evangelisation hier und jetzt zu mir und den Menschen vor Ort passt. Die Antwort: weil ich Freude im Herzen habe. Weil ich nicht anders kann. Weil, was ich liebe, in mir immer wieder nach neuem Ausdruck sucht und einfach „raus“ muss. Arno Backhaus würde vielleicht sagen: Weil es frommen Spaß macht.

Gunter Schmitt ist Pfarrer und Systemischer Coach (EASC) beim Missionarisch-Ökumenischen Dienst der pfälzischen Landeskirche und ist dort u.a. zuständig für Gemeindeentwicklung. Außerdem ist er ehrenamtlicher Mitarbeiter in einem Erprobungsraum seiner Landeskirche.

Ideenmagazin 3E

Dieser Artikel ist im kirchlichen Ideenmagazin 3E erschienen. 3E gehört wie Sprinkle zum SCM Bundes-Verlag.

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