Krisen bringen viele Fragen mit sich – auch über unseren Glauben und wie wir ihn weitergeben. In seinem Artikel lädt euch Pfarrer Dr. Patrick Todjeras ein, den Gedanken zu wagen: Kann Evangelisation gerade dann kraftvoll sein, wenn wir uns ohnmächtig fühlen? Taucht ein in eine Perspektive, die nicht von Stärke spricht – und entdeckt, wie gerade in der Schwachheit die Botschaft des Kreuzes neu lebendig werden kann.
Kürzlich war ich eingeladen, einen Vortrag zum Titel „(Ohn-)Macht: Evangelisation in Zeiten der Krise“ zu halten. Ich habe lange darüber nachgedacht und bin einem Zitat des Missionstheologen Scott Sunquist begegnet. Er untersucht in seinem großartigen Buch „Understanding Christian Mission“ die Geschichte der christlichen Mission und betont, dass diese elliptisch aufgespannt sei, zwischen „suffering“ und „glory“. Er sagt: „God’s mission, as we have seen, is more often than not the story of suffering witness or sacrificing saints. And yet, the larger story is one of glory: suffering is the path; glory with great joy is the end.“
Das hat mich tief bewegt. „Suffering“ (oder „Ohnmacht“) ist der Normalzustand christlicher Mission. Wenn das für die Geschichte der Mission und der Urchristenheit galt, dann vielleicht auch für das christliche Leben der Gemeinde, missionarisches und evangelistisches Handeln und Sein heute. In einem Kapitel fragt Sunquist, wie eine missionarische und evangelistische Spiritualität geformt sein müsste, damit die christliche Gemeinschaft ihrer Berufung treu ist. Er bespricht, was er unter einer solchen Spiritualität versteht, die gewappnet ist, zwischen „suffering and glory“, zwischen Leiden und Herrlichkeit, Bestand zu haben. Ich fand es ungemein anregend an seinem Ansatz, dass er die Notwendigkeit einer missionarischen Spiritualität betont, wenn man missionarisch handeln will. Das hat mich auf die Spur gebracht, nicht bestimmte geistliche Übungen und Handlungen zu betonen, sondern die Grundmelodie einer missionarischen Existenz heute zu bedenken.
Eine Fundgrube für meine Überlegungen wurde ein kleines Büchlein des südafrikanischen Missionstheologen David Bosch, der in den 70er Jahren die Spiritualität von Missionaren untersuchte, „A Spirituality of the Road“. Ich will zwei Gedanken daraus nachgehen: Eine missionarische Spiritualität lebt in Spannung und hat den Mut, schwach zu sein.
Missionarische Christen leben in einer Spannung, die ausgehalten werden muss und etwas anderes ist als eine Balance, wo sich zwei Dinge gegenüberstehen und ausbalancieren. Es ist und bleibt eine Spannung, der Welt zugewandt zu leben und sich von ihr abzuwenden, zu predigen und keine sichtbare Resonanz zu erleben, als Missionar eine Arbeit aufzubauen und keine Konversionen zu erleben (wie Bosch beschreibt). Das Problem bei einer Balance ist, dass es häufig zur Flucht in eine Richtung der zwei entgegengesetzten Pole kommt. Es ist gefährlich zu meinen, dass geistliches Leben und Engagement in der Welt ausgeglichen behandelt werden müssten – im Sinne einer Waage, die jeweils das andere ertragbar macht. Wer versucht, die Dinge in Balance zu halten, flieht vor der Spannung. Bosch beobachtet beispielsweise bei Missionaren, dass sie sich lieber ins Gebet zurückziehen als politische Verantwortung zu übernehmen, oder dass eine Missionsarbeit beendet wird, wenn es nach Jahrzehnten keine oder wenige Menschen gibt, die zum Glauben gekommen sind.
Der Missiologe Walter Freytag erzählt von einem Besuch einer 52 Jahre bestehenden Lutherischen Missionsstation im Norden Ägyptens. Das Ergebnis dieser Jahre harter Arbeit war eine Person, die zum christlichen Glauben gekommen und wieder verschwunden ist. Dennoch taten die Missionare treu weiter. Freytag verstand, dass Mission wahrlich Lob Gottes ist inmitten der Welt, unabhängig vom Erfolg, auch in der Hoffnungslosigkeit. Das beschreibt Bosch nun als ein Kennzeichen einer durch das Kreuz Christi geformten Spiritualität, sie lebt in Spannung.
Bei Missionaren ist der Verlust dieser Spannung an zwei Verhaltensweisen sichtbar: Verlust der Disziplin oder Überaktivität. Für viele Missionare wäre es eine größere Herausforderung, nach Hause zurückzukehren, als in dem Missionsgebiet zu bleiben. Denn im Missionsgebiet spielt sich eine gewisse Selbstverständlichkeit der Aktivitäten zur Routine ein. Bosch beobachtet, wie schnell der Enthusiasmus und der Idealismus verloren gehen, und bezeichnet diesen Verlust der Disziplin als eine große Gefahr für Missionare. Die zweite Gefahr, die Spannung einer missionarischen Spiritualität zu verlieren, ist Überaktivität, überbordender Aktivismus.
Durch das Kreuz geformte Christen verkündigen das Evangelium nicht als Marktschreier, wenden sich nicht mit fantastischen Versprechen an die Menschen und vertreten keine Happy-End-Religion. Eine große Versuchung in der heutigen Verkündigung des Evangeliums ist die Zusicherung gelingenden Lebens und finanziellen Erfolgs. Christliche Verkündiger sind zu Hausierern geworden, die lautstark ihre Ware am Markt der Möglichkeiten anbieten. Doch diese Mentalität interessiert sich nicht an Menschen, ihren Problemen und Lebensfragen, sondern Marktschreier interessiert ihre Ware. Eine kreuzgeformte Spiritualität tritt nicht überlegen auf, sondern lädt aus der Position der Schwachheit zum Glauben ein. Im 2. Korintherbrief steht Paulus als Verwundeter und falsch Verstandener vor den Christen in Korinth. In der Loyalität zu Christus steht er als Schwacher und kann keine Visionen, Offenbarungen und ekstatische Erlebnisse vorweisen wie seine Gegner. Mit einer kreuzformierten Spiritualität ist kein Fortschrittsversprechen und Entwicklungsoptimismus verbunden. Sie hält es aus, die eigene Schwäche nicht zu verbergen, keine Stärken hervorzukehren, dass trotz Gebet kein Wunder geschieht, keine greifbaren Ergebnisse vorliegen und sich niemand profilieren kann.
Die Gefahr ist groß, die kreuzgeformte Spiritualität durch Überaktivität oder den Verlust der Disziplin zu verlieren. Oft ist sie nicht „übermenschlich“, sondern ihre sichtbaren Zeichen sind: Geduld, Wahrheit, Liebe, Schwachheit, Dienst, Zurückhaltung. Bei Paulus wird das deutlich: Im Umgang mit den Konflikten in Korinth, den Angriffen gegen ihn und seine Berufung zum Apostel kombiniert er Zurückhaltung und die klare Überzeugung der Rettung der Menschen durch Jesus Christus.
Eine missionarische Spiritualität hat den Mut, schwach zu sein. Christen – und in besonderer Weise Missionare – sind selbst Teil der von ihnen übermittelten Botschaft. Bosch kritisiert, dass Missionare sich zu unreflektiert als Werkzeuge Gottes verstehen. Das prägende Bild dieser Vorstellung ist ein sauberer Wasserkanal, der das Wasser ungehindert fließen lässt. Dazu muss der Kanal regelmäßig gereinigt werden. In der missionarischen Situation müsse daher die Botschaft peinlich sauber gehalten werden. Der Missionar sei ein Werkzeug und beeinflusse die Botschaft nicht. Das Neue Testament versteht den Missionar nicht als ein desinfiziertes Werkzeug.
Das Bild im Neuen Testament ist ein Zweig (Joh 15). Ein Kanal bleibt von dem, was durch ihn durchfließt, unberührt, „but a branch has, first of all, to absorb the nutritive power which comes to it from the roots and trunk. It has to make all this a part of itself, and allow itself to be affected and renewed and transformed by that power. (…) The branch is, therefore, itself involved in the process of transmitting nourishment.“ („aber ein Zweig muss zunächst einmal die nährende Kraft aufnehmen, die ihm von den Wurzen und dem Stamm zugeführt wird. Er muss all dies zu einem Teil von sich selbst machen und sich von dieser Kraft beeinflussen, erneuern und verwandeln lassen. (...) Der Zweig ist also selbst in den Prozess der Nährstoffübertragung eingebunden.“)
Darum ist das Training im Zeugendienst so wichtig, ein innerer oder äußerer Ruf genügen nicht. Paulus selbst ist erst ca. 15 Jahre nach seiner Bekehrung Missionar geworden. Wie würde der Missionsdienst aussehen, wenn ein größeres Augenmerk auf die theologische, psychologische und missionarische Bildung gelegt werden würde?
Zusammengefasst ist eine missionarische Spiritualität eine kreuzgeformte Spiritualität, die den Mut hat, schwach zu sein. Die christliche Gemeinschaft besteht nicht aus geistlichen Giganten, nur gebrochene Menschen können andere zum Kreuz führen. Es geht um die Verwundbarkeit der Christen, nicht jener, die missioniert werden. Wenn Schwäche abgelehnt wird, werden Allmachtsfantasien gehegt. Denn jeder hat einen Stachel im Fleisch. Paulus beschreibt dies als das Paradoxe des christlichen Glaubens, dass der Schwache das Evangelium verkündet. Also, (Ohn-)Macht und Evangelisation? Ja, das gehört zusammen. „Suffering“ oder „Ohnmacht“ ist doch der Normalzustand christlicher Mission.
Pfarrer Dr. Patrick Todjeras ist theologischer Referent in der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich und Leiter des Instituts zur Erforschung von Mission und Kirche (www.i-m-k.org). Er ist u.a. mit Prof. Dr. Michael Herbst Mitherausgeber des Buches „Evangelisation – Theologische Grundlagen, Zugänge und Perspektiven“.
Dieser Beitrag erschien bereits 2023 in 3E, dem Ideenmagazin für die evangelische Kirche. Jede Ausgabe will Christinnen und Christen begeistern, die Chancen und Stärken von Gemeinden zu nutzen, um das Evangelium zu verkünden.
Das Ideenmagazin 3E gibt es in Kombination mit der Zeitschrift AUFATMEN in Print und Digital.
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