Kita-Arbeit ist eine Riesenchance, Kirche und Glaube relevant werden zu lassen. Über Jahre hinweg kann Beziehungsarbeit mit Kindern und ihren Familien stattfinden. Familien können so im Glauben und in unseren Gemeinden heimisch werden.
Draußen wird es gerade dunkel, in der Kirche brauchen wir defnitiv schon Licht: Es ist 16:30 Uhr und der 11. November. Kinder mit Laternen strömen zusammen mit ihren Eltern in unsere Kirche. Oft sind Geschwister mit dabei – natürlich auch mit Laternen –, manchmal auch Großeltern.
Mit Trompete oder Klarinette beginnt das erste Lied: „Ich geh mit meiner Laterne …“ Die Kinder kennen das Lied und singen mit – vielleicht nicht schön, aber laut und mit Begeisterung! Die Leiterin unserer Kita begrüßt alle und erzählt davon, wie sich die Kinder auf den heutigen Abend vorbereitet haben. Dann bin ich als Pfarrer an der Reihe und erzähle die Geschichte vom Heiligen Martin, der seinen Mantel geteilt hat. Ach was: Ich erzähle die Geschichte nicht, ich spiele sie mit Steckenpferd, Mantel und Schwert vor …
Die Kinder kennen die Geschichte, aber sie sind dabei; es gibt ja was zu sehen, was zu erleben. Mit ein paar kindgemäßen Gedanken ermutige ich uns, es dem Heiligen Martin gleichzutun und unseren Reichtum zu teilen. Wir singen von St. Martin und dann wird das Licht in der Kirche ausgeschaltet und die Laternen – heutzutage alle mit elektrischen Birnchen – werden eingeschaltet: ein tolles Bild in der Kirche! Und klar: Dann geht es auf den Laternenumzug und zum Teilen der St. Martin-Wecken.
Ein Fest in unserer Kirche. Nein, wir feiern kein „Laternenfest“, wir feiern „St. Martin“ – und ebenso feiern wir die anderen Feste des Kirchenjahres. Meist sind nicht so viele Familien dabei wie an St. Martin. Die anderen Kita-Gottesdienste feiern wir auch am Vormittag, damit auf jeden Fall alle Kinder dabei sind. Aber ein paar Eltern und Großeltern können es sich auch immer einrichten. Und gottesdienstliche Anlässe gibt es viele: Neben Weihnachten und Ostern auch den Aschermittwoch als Auftakt für die Fastenzeit (auch in unseren Kitas wird dann auf Nachtisch verzichtet und auf manches Spielzeug), wir feiern Pfingsten und Nikolaus und natürlich Gottesdienste zum Beginn des Kita-Jahres und zum Schulanfang für die, die jetzt einen neuen Weg beginnen.
Und dazwischen bin ich mit den Kindergartenkindern (3-6 Jahre) immer wieder zur „Biblischen Geschichte“ zusammen: In kleineren Gruppen feiern wir ungefähr alle 14 Tage einen kleinen Kindergottesdienst. Da gibt es dann ganze Reihen über Jesus und seine Freunde, über Noah und seine Arche (Namensgeberin einer unserer Kitas), über das Beten allgemein oder eine Reihe konkret über das Vaterunser und so weiter. Meine Gitarre habe ich immer dabei – Markenzeichen für die Kinder! Immer wird etwas vorgespielt und immer gibt’s einen Brückenschlag in die Alltagswelt der Kinder. Und eine Zusammenfassung geht immer auch an die Eltern, damit sie wissen, was wir in der Kirche erlebt haben und wovon die Kinder vielleicht erzählen.
Eine große Kita, eben die „Arche Noah“, gehört schon „seit Menschengedenken“ zu unserer Gemeinde. Die Anfänge reichen ins 19. Jahrhundert zurück, als erste Vorläufer heutiger Kita-Arbeit begonnen wurden. Seitdem ist vieles anders geworden. In den 30 Jahren, in denen ich jetzt als Pfarrer evangelische Kita-Arbeit begleite, ist noch einmal unglaublich viel anders geworden. Kita-Arbeit wurde enorm aufgewertet. Sie ist nicht mehr primär Betreuung, sondern Bildungsarbeit. Aber betreut werden die Kinder trotzdem und auch länger, im doppelten Sinne: Viele gehen heute von 1-6 Jahren in die Kita – zuerst in die Krippe, dann in den Kindergarten. Und die meisten Kitas sind heute viel länger geöffnet als früher – kaum ein Kind wird noch um 12 Uhr vor dem Mittagessen abgeholt; fast alle bleiben bis in den Nachmittag hinein, weil beide Eltern berufstätig sind.
Zusammen mit diesen Entwicklungen ist die Leitungs- und auch die Verwaltungsarbeit unfassbar viel mehr geworden. Deutsche Bürokratie eben, aber auch politische Wertschätzung – und die scheint nie ohne Konzepte, Überprüfungen, Formulare zu gehen. Dazu unsere Ansprüche an Sicherheit von Gebäude und Gelände, an Arbeitssicherheit für Mitarbeitende, Gesundheitsvorsorge, Begehungen, Protokolle, Zuschussanträge, individuelle Wege in dem Berufsfeld mit viel Klärungsbedarf…
Kein Wunder, dass viele Kirchengemeinden dem nicht mehr Herr werden. Daher ist es gut, dass es heute immer mehr üblich wird, dass es übergemeindliche kirchliche Trägerschaftsmodelle gibt. Das kann wirklich entlasten und Kirchenvorstände und Pfarrpersonen sind sehr froh darüber! Aber es rückt die Kita auch etwas aus dem Blickfeld der Ortsgemeinde. Wie kann sie kirchliche Kita bleiben?
Vor allem durch die eingangs beschriebene Religionspädagogik. Aber nicht nur: Es ist gut, wenn ich als zuständiger Pfarrer immer wieder im Team der Mitarbeitenden bin und weiß, wo der Schuh drückt und wie der Kita-Alltag läuft. Es ist gut, wenn im Kita- Ausschuss ein gutes Miteinander mit den Eltern herrscht und so viel wie möglich gemeinsam besprochen und entschieden wird. Es ist gut, wenn es viele begleitende Angebote in der Kirchengemeinde gibt und diese eng mit der Kita verbunden werden: eine Kindergruppe an einem Nachmittag direkt nach der Kita oder ein Spatzenchor, Vater-Kind- oder Mutter-Kind-Wochenenden unter Regie der Kirchengemeinde, aber eng an die Kita angebunden, oder Gesprächsabende über christliche Erziehung in unserer Zeit unter dem Motto „Kinder und der liebe Gott“. Und sicher eignen sich manche Gottesdienste im Jahreslauf für eine große Einbindung der Kita in den Gottesdienst – zum Beispiel beim Gemeindefest oder beim Erntedank in den Streuobstwiesen …
Eine evangelische Kita macht Arbeit – egal, ob im übergemeindlichen Trägerverbund oder in direkter Gemeindeträgerschaft. Aber vor allem ist sie eine unglaublich große Chance, mit ganz vielen jungen Familien im Kontakt zu sein. Und das Tag für Tag über mehrere Jahre! Das schafft kein Tauf- oder Konfirmationsangebot, keine kirchliche Kindergruppe, keine Sommerfreizeit.
Was für eine Chance, wenn wir da ein gutes Angebot haben, das zumindest für viele – alle mit Kindern – genau in ihre Lebenssituation passt. Kita-Arbeit ist eine Riesenchance, Kirche und Glaube relevant werden zu lassen.
Aber jede Chance kann ich ergreifen oder verstreichen lassen. Ja, es gibt kirchliche Kitas, wo das „evangelisch“ nur auf dem Türschild steht – eine große vertane Chance. Aber welche Chance, wenn die Kirche beim Kita-Gottesdienst so voll ist wie an St. Martin, wenn für Kinder und ihre Eltern das Laternenerlebnis christlich und lebensrelevant gedeutet wird. Was für eine Chance, wenn Kita-Familien auf Gemeindefreizeiten mitfahren und kirchliche Gemeinschaft erleben. Es sind auf diesem Wege so viele Familien in unserer Gemeinde heimisch geworden, für so viele war die positive Kita-Erfahrung der Start in die Gemeinde-Mitarbeit.
Dr. Klaus Neumeier ist Pfarrer in der Evangelischen Christuskirche Bad Vilbel. Er ist Kirchensynodaler in der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau (EKHN).
Dieser Beitrag erschien bereits 2022 in 3E, dem Ideenmagazin für die evangelische Kirche. Jede Ausgabe will Christinnen und Christen begeistern, die Chancen und Stärken von Gemeinden zu nutzen, um das Evangelium zu verkünden.
Das Ideenmagazin 3E gibt es in Kombination mit der Zeitschrift AUFATMEN in Print und Digital.
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