Adventsszeit: Raus aus dem Erwartungsdruck

Alle Jahre wieder freuen wir uns auf den Advent – und gleichzeitig wird uns mulmig bei all den Erwartungen, die mit dieser Zeit verbunden sind. Das spüren wir auch bei unseren Freundinnen und Freunden. Da bleibt kaum Zeit, um innezuhalten und sich mit dem wahren Kern von Weihnachten zu beschäftigen. Sandra Geissler helfen zwei Gedanken, eine gemäßigtere Gangart zu finden. Teilt diese Gedanken mit euren Freunden und kommt gemeinsam im Advent an. Und schließlich beim Kind in der Krippe.

Alle Jahre wieder kommt der erste Advent und alle Jahre wieder wird seine Ankunft gleichermaßen freudig erwartet und mit Spannung gefürchtet. So viel Schönes und Wunderbares bringt er mit. Vertraute Gerüche, liebgewordene Rituale und die uralten Worte, die immer neu in unseren Herzen Wurzeln schlagen wollen. Neben Bergen an Lebkuchen, Kerzenlicht und Deko hat er aber auch jede Menge Erwartungen, meine eigenen und die der anderen, Anforderungen und Wunschvorstellungen im Gepäck. Im Angesicht eines solchen Gepäckberges kann es einem schon schwindelig werden lange bevor das letzte Lichtlein brennt und das Christuskind in der Krippe liegt.

So viele Fragen und Aufgaben

Eine nahezu endlose Liste von Fragen und Aufgaben will beantwortet und abgearbeitet werden. Adventskranz, kaufen oder selbstbinden, Adventskalender für die Kinder, kaufen oder selbstbasteln, Lichterketten aufhängen und Deko arrangieren, Plätzchenbacken und schöne Kindheitserinnerungen schaffen, Präsente besorgen und die eigene Seele versorgen. Wunschzettel müssen verfasst und abgearbeitet, Plätzchen hergestellt und gegessen werden. Was wollen wir essen und wann und mit wem? Weihnachtskarten gehören dazu, Weihnachtsmarktbesuche und Schlittschuhlaufen, aber bitte auch Zeit für Besinnliches und gute Worte. Schließlich weist der Kalender mit anklagendem Blick auf die Abschlusskonzerte und Adventsfeiern von Büro und Turnverein, Klassen und Flötengruppe. Alles für sich genommen schön, alles wunderbar, aber alles auch ein bisschen viel. Weder Berufs- noch Schulleben drücken pünktlich am 30. November die Pausentaste, um den Raum zu schaffen, den all diese Ansprüche eigentlich bräuchten, um auch nur ansatzweise umgesetzt zu werden.

Spannenderweise sind häufig ausgerechnet die Wochen, die die stillen, leisen und besinnlichen sein sollen, angefüllt mit Lärm, Hektik und einem Zuviel. Sich mehrmals täglich auf Instagram die Wohnzimmerdekorationen und Familienaktivitäten anderer Menschen anzuschauen ist wenig hilfreich und schraubt das Drehmoment noch weiter in die Höhe.

Ausstieg aus dem Karrussell

Zwei Gedanken helfen mir seit einigen Jahren immer wieder neu, aus diesem Karussell auszusteigen und in eine gemäßigtere Gangart zu schalten.

In der alten Kirche galten für diese besondere Zeit des Jahres andere Rituale und Traditionen. Bereits nach dem Martinstag am 11. November begann die sogenannte Philipus-Fastenzeit, die bis zum Weihnachtsfest andauerte. Genau wie die österliche Fastenzeit sollte sie auf die Feier des großen Festes vorbereiten und hinarbeiten. Statt also pünktlich zum ersten Advent in festlich geschmückten Häusern von einem Highlight zum nächsten zu stolpern, war erst mal ein Weniger als vor der Adventszeit angesagt. Schon manches Mal habe ich mir gedacht, wie köstlich das Weihnachtsessen nach der Christmette geschmeckt haben muss, wie überaus festlich und fröhlich es wohl zuging, nach den langen, dunklen und kargen Wochen des Advents und vor allem, wie strahlend und leuchtend die Weihnachtsbotschaft gewirkt haben muss. Ich glaube nicht, dass sich eine solch karge Adventszeit mit der Realität der heutigen Welt vereinbaren lässt. Aber mich entlastet allein der Gedanke daran schon ungemein.

Eine Vorbereitungszeit

Die Adventszeit ist eine Vorbereitungszeit und kein vierwöchiger Feiermarathon. Sie ist das Aushalten der Dunkelheit in dem Vertrauen darauf, dass die frohe Botschaft der Geburt Christi immer und immer wieder heller als alle irdischen Lichterketten strahlen wird. Ich darf mich langsam auf dieses Fest und dieses Strahlen zu bewegen. Ich mag Plätzchenbacken mit meinen Kindern und wenn ich denke, dass dieser Nachmittag dafür geeignet ist, dann backen wir Plätzchen. In manchen Jahren überwiegt die Freude und es werden fünf Sorten daraus. In manchen Jahren reicht die Energie kaum für „Ausstecherle“. Weihnachten wird trotzdem. Manchmal binde ich voll Freude einen Adventskranz und meine Hände genießen die Arbeit und in anderen Jahren wird einer gekauft. Weihnachten wird trotzdem. An manchen Tagen habe ich Zeit zum Lesen eines Adventskalenders, eines guten Textes, von guten Gedanken, aber längst nicht an allen. Weihnachten wird immer trotzdem. Weihnachten darf ich mir schenken lassen, dass muss ich mir nicht erarbeiten, erkaufen oder erwirtschaften. Wir dürfen all die Dinge tun, wenn wir die Zeit, die Kraft und die Freude haben, sie zu tun. Wir müssen aber nichts davon machen, damit es Weihnachten werden kann. Wenn also das ein oder andere nicht umgesetzt werden kann, dann ist es nicht tragisch.

Was ist mir wichtig?

Ein zweiter Gedanke ist die Überlegung, was mir und meiner Familie wirklich wichtig ist. Die ganze Welt ist nur einen smarten Wischer entfernt und die Fülle der Möglichkeiten, der Angebote und Inspirationen ist nahezu endlos. Viel bedeutsamer ist jedoch, welche Rituale und Traditionen, welche Geschichten und kleine Gesten sind dir im Laufe der Jahre lieb geworden? Worauf möchtest du keinesfalls verzichten und was kannst du getrost an dir vorüberziehen lassen? Wer das für sich klar hat, muss nicht jedes Jahr das Rad neu erfinden und nimmt damit jede Menge Stress raus. Hinsichtlich der Advents- und Weihnachtszeit greift die Regel „viel hilft viel“ nämlich nicht. Vielleicht bleibt nur eine Handvoll Wunderbarkeiten übrig, aber für die ist dann genug Raum, um sie wirklich auszukosten.

Ich befülle seit 15 Jahren dieselben Streichholzschächtelchen auf den immer gleichen Adventskalendern, ganz mitgenommen sehen sie schon aus. Trotzdem kaufe und bastle ich keine neuen. Ich möchte die „Herdmanns“ nicht missen, diesen Nachmittag voll Zeit nehmen wir uns. Die nächste Kerze auf dem Kranz in einer kleinen Familienandacht anzuzünden, hilft uns als Familie, den Kern des Geschehens nicht aus dem Blick zu verlieren. Ich könnte noch einiges mehr aufzählen, aber nichts davon ist besonders aufregend. Tausend andere Ideen, Anregungen und Verschönerungsmaßnahmen wären auch noch möglich, aber ein mehr an Gebäck, an Feiern, Lichterketten und geistigen Impulsen steigert nicht unbedingt die Weihnachtsfreude.

Alle Jahre wieder kommt der erste Advent und alle Jahre wieder ist er eine Einladung. Nicht zu einem vierwöchigen Hürdensprint mit vollem Marschgepäck, sondern zum langsamen Neuentdecken der besten Nachricht überhaupt. Gott ist Mensch geworden, stell dir das mal vor!

Der Artikel erschien in der Joyce 4/21. Sandra Geissler ist katholische Diplomtheologin, Autorin und Familienfrau und lebt mit ihrer Familie in Nierstein am Rhein. Sie bloggt unter www.7geisslein.com

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