Fußwaschung auf der Reeperbahn

Raus aus dem toten Winkel

Denn ich glaube das, was wir das Evangelium nennen, das braucht es in vielerlei Gestalt.
Emilia Handke

Das „Gehet-hin-in-alle-Welt-Wort“ Jesu gelebt im Jahr 2023.

Ein verregneter Samstagabend an der Alster. Draußen funkelt es. Lichter säumen den Steg an der Alten Rabenstraße in Hamburg und zwei Schiffe fahren hinaus – dorthin, wo es tief ist (Lukas 5,4). Sie fahren hinaus und spielen Musik und tischen Wein auf und Wasser und Flammkuchen, um die Netze noch einmal anders auszuwerfen: um damit aufzuhören, zu sagen, es käme ja doch keiner mehr und die Leute wollten eben bloß das Event, aber keine Tiefe.

Sondern um das wilde, aufbegehrende Leben heiligzusprechen und Momente so zu feiern, dass sie ein ganzes Leben zu tragen vermögen: Die Hamburger Ritual agentur st. moment – mein erstes großes Projekt bei „Kirche im Dialog“, jetzt eine eigenständige Einrichtung mit 8 Mitarbeiter:innen – lud am 17. September 2022 im Rahmen der Nacht der Kirchen zu Spontantaufen und -hochzeiten auf der Alster ein unter dem Namen „A Ship called love“:

„Da ist ein Schiff namens Liebe, das sich zum Auslaufen bereit macht.
Leute, ich weiß, dass ihr wisst, dass es Zeit ist, an Bord zu kommen!
Bei den Sternen da droben … Wir steuern durch Sturm und Wind.
Und durch Gottes Gnade landen wir an dieser friedlichen Küste.
Wir brauchen jede Hand an Deck. Du weißt, dass die See rau werden wird.
Aber Liebe ist das richtige Zeug, um uns rüberzubringen.“

 

Unterwegs im Zeichen der Liebe

Segnungsangebot mitten in der Großstadt.

Das ist – zugegebenermaßen – eine sehr stümperhafte Übersetzung des Songs von Eric Bibb. Aber selbst darin zeigt sich doch, wovon viele von uns gerne ein Teil wären: von einem Schiff namens Liebe, das sich zum Auslaufen bereit macht. Und dessen Crew weiß, dass Liebe das einzige Mittel ist, um uns rüberzubringen. Das hat ER uns nämlich beigebracht.

An jenem Abend waren es zehn Hochzeiten, fünf Taufen und etwa 40 Segenshandlungen. Aber es war vor allem das Gefühl, dass wir zusammen eine Kirche sein können, die sich nicht in Diskussionen verliert, ob der Segen trinitarisch gesprochen worden ist, Tiere gesegnet werden dürfen oder man überhaupt außerhalb des Kirchenraums taufen darf. Das ist aus meiner Sicht ein toter theologischer Winkel. Schließlich heißt es doch in Markus 16,15: „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.“

 

Fußwaschung auf der Reeperbahn

Dieses Rausgehen in alle Welt, das erproben wir auch im Rahmen von anderen Projekten von „Kirche im Dialog“. Zum Beispiel mit der Pop Up Church – einem Aktionsnetzwerk aus etwa 15 Pastor:innen und Vikar:innen in der Nordkirche. Zuletzt waren wir an Gründonnerstag mit einer Fußwaschung auf der Reeperbahn unterwegs.

Lange haben wir überlegt, ob wir uns das trauen können. Wir waren unsicher, ob Menschen tatsächlich dazu bereit sind – sich von uns Pastor:innen die Füße waschen zu lassen? Schuhe und Strümpfe vor aller Augen auszuziehen – sowas machen wir doch sonst nur beim Arzt oder in der Fußpflege. Dort ist der legitimierte Ort für die Hornhäute und Schwielen, für Druckstellen und Hühneraugen. Schuhe ausziehen – das ist jedenfalls kein Kinderspiel, sondern etwas sehr Intimes. Wir haben uns nach langem Ringen in der Vorbereitung dazu entschieden, der Geste Jesu zu vertrauen. Und notfalls einfach nur die Geste mitten auf der Straße gegenüber der Davidwache nachzustellen, weil sie für uns eine ganze Weltsicht zum Ausdruck bringt.

 

Hautnah dran an den Druckstellen des Menschseins

Was wir dann aber am 14. April 2022 in der Zeit von 20 bis 24 Uhr auf der Reeperbahn erlebt haben, hat uns alle überwältigt. Es waren sicher über 40 Menschen, die sich auf unsere weißen Klappstühle gesetzt haben und viele, viele Zaungäste. Ein junger Arzt, der von der Aktion im Radio gehört hatte, wollte mit seiner Freundin einen Tag vor ihrem Abflug noch den letzten gemeinsamen Abend genießen: „Ich stand heute acht Stunden im OP, ohne Pause … und das tut sooo gut!

Fußwaschung Hamburg Reeperbahn
Wenn Kirche Menschen mit einer Zeichenhandlung und Zuhören überrascht.

Eine junge Frau: „Was kostet das?“ Das kostet gar nichts! „Aber wo kann man denn jetzt was spenden?“ Nein, es geht auch nicht ums Spenden. Wir machen das einfach so. Ihre Augen leuchten: „Das finde ich toll!“ Am Ende sagt sie zu einer von uns: „Das ist so schön gewesen. Ich … bin … dankbar!“

Dazwischen immer wieder heißes Wasser holen in den umliegenden Kneipen. Zum Beispiel bei Burger King. Einer von uns ungefähr so: „Es ist Ostern und wir kommen von der Kirche. Heute ist Fußwaschung. Dafür bräuchten wir heißes Wasser.“ Bei Burger King gibt man weiter: „Der Christ braucht Wasser!“ Und als er die Eimer trägt, da raunt einer: „Achtung, der Christ trägt heiliges Wasser!“

Ein älterer Herr kommt mit einer Frau aus dem südlichen Mecklenburg. Auch sie hatten im Radio davon gehört. Er ist so angerührt, dass seine Augen nass werden. Er erzählt mir davon, wie der Glaube in ihm langsam gewachsen ist und dass man seiner Mutter in der Gemeinde die Füße eingerieben hätte kurz vor ihrem Tod. Daran erinnere ihn das.

Einen anderen spreche ich an. Er ist – wie so viele – überraschenderweise sofort dazu bereit. Sein Freund, der ihn begleitet hat, setzt sich hinter uns auf die Stufen und lauscht der Musik. „Seid ihr von der katholischen Kirche?“, fragt er. Nein, wir sind evangelische Pastor:innen, die meisten von uns. „Ich muss euch sagen, ich bin ausgetreten.“ Stille. „Nicht wegen Missbrauch, sondern weil ich so viel gebetet habe und es hat nichts gebracht. Meine Frau ist vor einem Jahr gestorben.“ Ich wasche schweigend weiter, versuche seine Füße mit Öl zu streicheln und nicht nach irgendwelchen dann doch nicht passenden Worten zu suchen, sondern irgendwie die Geste selbst sprechen zu lassen, ihm Gutes zu tun. Hinterher sage ich dann ungefähr sowas wie: „Das hier heute ist für dich. Weil dir Gutes geschehen soll.“ Benommen stolpert er weg, kommt zurück und sagt: „Vielleicht trete ich bei euch wieder ein. Ich finde das so toll, was ihr macht. So toll. So toll!“

 

Gesten verändern Menschen

Manche stehen nur dabei. Wollen sich nicht setzen, keine Bonbons und auch keine Ankerherz-Tattoos haben. Aber sie wollen uns supporten. Überhaupt begegnen uns viele Menschen, die die Geste zu Tränen gerührt hat. Und unser Eindruck: Die Leute verändern sich durch die Geste. Manches fällt von ihnen ab. Zwischendurch sieht man manchmal einen von uns beten: für Verstorbene, die Person selbst oder dass Putin endlich diesen Krieg beendet. Manche umarmen uns und rufen uns zu: „Es war schon jetzt das Schönste an dem ganzen Wochenende!“

Irgendwie schließt sich damit wieder der Kreis mit dem Schiff. Hinter uns hatten wir ein Banner aufgehängt und Jesus ein Zitat von Marlene Dietrich in den Mund gelegt: „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt …“ Kirche als ein Schiff namens Liebe. Wenn ich Pastorin im ländlichen Raum wäre ohne Reeperbahn, dann würde ich vielleicht einmal bei einem Pflegedienst anrufen und fragen, ob ich an Ostern mit ihnen über die Dörfer fahren könnte von Haus zu Haus, um Menschen diese große Geste Jesu anzubieten. Oder mich mit Konfis auf den Marktplatz stellen. Denn ich glaube das, was wir das Evangelium nennen, das braucht es in vielerlei Gestalt.

 

Emilia Handke leitet als Pastorin das Werk „Kirche im Dialog“ der Nordkirche. Neben der Gründung der Ritualagentur st. moment verantwortet sie u.a. auch die Pop Up Church der Nordkirche und ist Teil des Teams der Wohnzimmerkirche Hamburg. Sie ist Autorin und Lehrbeauftragte an den Universitäten Hamburg und Kiel. Im Frühjahr 2023 wird sie die Leitung des Predigerseminars der Nordkirche übernehmen.

Lasst Gesten sprechen - und macht das Evangelium sichtbar!

3E. echt. evangelisch. engagiert.

Dieser Artikel stammt aus dem Ermutigungs-und Ideenmagazin 3E. Lest mehr von Aktionen wie dieser und lasst euch inspirieren!

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